Heimatverein Schildesche

Schildescher Chronik

Durch Verfügung der Königlichen Regierung in Minden vom Dezember 1817 waren alle Ämter und Gemeinden verpflichtet, in Zukunft eine Chronik zuführen: so auch für Schildesche.

Die Aufzeichnungen füllen fast 300 Seiten und umfassen einen Zeitraum von 1800 bis 1895.

Da sie zu allen Bereichen des öffentlichen Lebens Notizen haben, stellen diese Chroniken ein informatives Zeitzeugnis dar, aus dem der
Heimatverein Schildesche e. V. in Zukunft periodisch Auszüge präsentieren wird.

Beim Jahre 1809 wird der Missmut deutlich, mit dem die Einheimischen die französischen Siege in der Stiftskirche feiern mussten. Todesfälle durch Ertrinken, wie sie hier gleich zweimal erwähnt werden, kommen auch in den späteren Aufzeichnungen immer wieder vor:

Zum Jahre 1810 notierte der Chronist folgendes; mit der Bezeichnung „Nervenkrankheit“ ist vermutlich Typhus gemeint.

Die Nervenkrankheit hat in diesem Jahre verschiedene weggerafft, und selbst der Chirurgus Steffen laborirte an derselben und musste sich nach Bielefeld in die Cur des Doctor Beckhaus begeben.

Im Jahre 1811 dominierten wiederum die alltäglichen Dinge das Leben im Ort: Krankheiten – die „Frieseln“ sind die Masern, die schlechten Verdienstmöglichkeiten der Leineweber und die drückenden Einquartierungen.

Im März waren die Frieseln unter den Kindern sehr eingerissen, und sind in Folge dieser Krankheit nach kurzem Zeitraum 30 Kinder gestorben.

Im Mai ist ein kleines Kind ertrunken.

Das Garn stand in gegenwärtigem Jahre in hohem Preise; die Leinweber aber und besonders diejenigen, welche die feine Leinwand verfertigen, klagen über schlechten Verdienst.

Ein armer Leinweber Colonus Henrich Sewing aus Schildesche, Vater einer zahlreichen Familie, hat, wegen gänzlichen Mangels des spanischen Rohrs zur Verfertigung der Webekämme, auf seine Gefahr und Kosten in hiesiger Gegend zuerst es gewagt, bei seiner Weberei einen aus Messing verfertigten Kamm zu gebrauchen, und so das schwer zu erhaltende ausländische Product durch

vaterländisches Metall ersetzt, wodurch er sich für die Weberei sehr verdient gemacht hat, da solche wegen Mangel des benannten Rohrs dem Untergange nahe war. Flachs ist durchgängig sehr kurz, mitunter auch ganz mißrathen.

Im Januar diesen Jahres sind außer den seit dem 1ten November hier befindlich gewesenen 2 Officiere und 85 Mann vom 1ten Königlich Westphälischen Linien Regiment, noch 5 Officiere und 168 Mann desselben Regiments hinzugekommen und bis zum 18ten März in der II Municipalität des hiesigen Cantons einquartirt geblieben. Im Juni waren vom 1ten bis zum 2ten 500 Mann bergische Truppen hier einquartirt, und am 10ten August ein Detachement Artillerie von 1 Officier 33 Mann und 89 Pferden.

Der Thurm an der Stifts-Kirche war sichtlich von der Kirche abgewichen, die Spitze sollte deshalb abgenommen werden. Den 23ten April aber laufenden Jahrs 3 _ Uhr Nachmittags senkte er sein spitzes Haupt, stürzte in sich selbst zusammen und zertrümmerte die Orgel. Der Schieferdecker Peters aus
Wiedenbrück, der Tischler Halemeyer und der Tischler-Gesell Obermeyer beide aus Schildesche, die nebst dem Heuerling Pott darin mit den Zurüstungen zum Abbrechen beschäftigt waren, fanden unter den Trümmern ihr Grab. Sie wurden, nachdem man sie unter dem Schutte hervor gezogen hatte, öffentlich begraben, und für die
hinterlassenen 3 Wittwen ist hier und in der Nachbarschaft eine bedeutende Collecte gesammelt worden.- Das Holzwerk des Thurms wurde
demnächst öffentlich verkauft und mit dem Schutte die Straßen gebessert; der Gottesdienst ist auf dem Kirchhofe vor dem Fischerschen Hause gehalten, auch sind daselbst die Confirmanden sehr feierlich confirmirt worden.- Nachdem der Schutt weggeschafft und die Kirche wieder gereinigt war, zogen wir wieder hinein. Für Errichtung eines Glockenhauses und Zumachen der Kirche mit einer Bretterwand sorgte der Pastor Schrader auf’s baldigste.

Durch eine veränderte Grenzziehung wurde mit Anfang des Jahres 1811 der Johannisbach zum „Grenzfluß“, er trennte das Königreich Westphalen vom Kaiserreich Frankreich und er „genoß“ damit vorübergehend eine „weltpolitische Bedeutung“.

Durch ein Decret des Kaisers Napoléon vom 13ten December 1810 wurden einige Theile des Königreichs Westphalen dem Französischen Kaiserreiche einverleibt. Die Gränze, welche bei uns der Johannis- oder Theeser Bach machte ging fast mitten durchs Kirchspiel. Der Westphälische Staatsrath Malchus und der Unter-Präfect von Bernuth regulirten die Gränze, und die Gränzpfähle, wovon einer bei der Johannisbrücke zu stehen kam, waren bezeichnet mit E.F. (empire francois – England forderts) K.W. (Königreich Westphalen – künftig wieder). Wir verloren die Bauerschaft Brake bis auf die Höfe 1, 12, 14, 15, 16 und 24, welche diesseits des Bachs liegen; ganz Vilsendorf; von der Bauerschaft Schildesche Numero 3, 5, 6, 8, 9, 10, 11, 12, 14, 15, 16, 17, 18, 19, 20, 21, 22, 23, 24, 25, 26, 27, 29, 30, 31, 32, 33, 34 und 35; von der Bauerschaft Theesen Numero 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 16, 19, 20, 22, 24, 28, 29, 30, 32 und 33; von der Stifts-Arrode Numero 27 und von der Milser-Arrode Albert Diedrich Frodenau, Joh. Henrich Frodenau und Schmiedemann.

Zugleich wurden die Bauerschaften Laer, Eickum und Diebrok mit den adlichen Häusern Heyde und Stedefreundt, welche nach Herford eingepfarrt sind, aber in administrativer Hinsicht der hiesigen Mairie einverleibt waren und die 2te Municipalität bildeten, von derselben getrennt und daraus eine eigene Mairie gebildet, deren Verwaltung einem vormaligen Bothenmeister der Regierung zu Minden Namens Nolting übertragen wurde. Der Westphälisch geblieben Theil des Districts Bielefeld, mithin auch die hiesige Mairie, wurde nun zum Fulda Departement geschlagen, deren Hauptort Cassel war.

Die Abschrift erfolgte getreu dem Original.

Zum Jahre 1812 notierte der Chronist folgendes: Am 20ten October fiel die 20jährige Tochter eines Juden Aron Hein beim Wasserschöpfen in einen Brunnen, wurde aber durch den schnell herbei geeilten Colonus Nolting, der augenblicklich in den Brunnen stieg, glücklich wieder gerettet.

Ein Sturm verursachte im Jahre 1813 Angst und Schrecken, doch passierte Gott sei Dank nichts Schlimmeres: Am ersten Osterfeiertage entstand ein fürchterlicher Windsturm, als die Gemeinde zur Verrichtung ihres Gottesdienstes in der Kirche versammelt war und verbreitete allgemeines Schrecken, welches durch ein starkes Getöse, vom Zuschlagen eines Kirchenstuhles herrührend, so sehr erhöht wurde, dass man, glaubend die Kirche stürze zusammen, ein lautes Geschrei erhob und der Kirchthür zudrängte; bei welcher Gelegenheit mehre Menschen ihre Bücher verloren, Kleider zerrissen und im Drange stark verwundet wurden.